Interview mit
Christina Bruns
von TRBYOGA

Interview Yannah Alfering
Fotografie ©TRBYOGA

20. Dezember 2021 12:28 Uhr

Während ihrer Tanzausbildung begann Christina Bruns mit Hot Yoga – eigentlich nur, um flexibler zu werden. Ein Jahr später absolvierte sie auf Goa ihre erste Ausbildung zur Lehrerin. 200 Stunden Yoga in vier Wochen. Seit Anfang 2021 betreibt sie ihr erstes eigenes Studio in Wien. Wir haben mit der 30-Jährigen über Yoga, Selbständigkeit und Erwartungsdruck gesprochen.

Christina, was macht Yoga so besonders für dich?

Christina Bruns Die ersten Jahre habe ich nur für die physischen Benefits praktiziert. Später habe ich realisiert, dass Yoga für mich auch eine super schöne mentale Übung ist, die mir Kraft gibt und dabei hilft, die Welt ein bisschen anders, besser und auch schöner zu sehen. Ich versuche mich jeden Morgen hinzusetzen, zu meditieren, Atemübungen zu machen und mich zu bewegen – egal, ob ich eine gute Nacht hatte oder eine schlechte. Danach geht es mir immer besser. Ich checke kurz bei mir selbst ein, frage mich: Wie ist mein Energielevel? Was braucht mein Körper heute?

Durch Yoga habe ich gelernt, meinen Ängsten und Zweifeln zu erlauben, da zu sein. Sie mir anzuschauen, wenn ich meditiere. Aber, und das ist ganz wichtig: Ich erlaube mir auch, im Moment anzukommen. Wenn ich merke, dass ich gerade super ängstlich bin, dann setze ich mich hin und meditiere. So bekomme ich wieder den Zugang zu mir und kann sagen: Es ist alles gut so, wie es ist. Ich bin da, ich atme und ich spüre mich.

Wieso ist es so wichtig, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben?

Christina Wenn ich gestresst bin, drifte ich komplett aus meiner Mitte. Dann neige ich zu Übersprungshandlungen, von denen ich glaube, dass ich sie tun müsste – und dann verliere ich mich. Yoga ist das Tool, das mich wieder zurückholt, das mich ankert.

Du hast lange unterrichtet. Jetzt führst du ein eigenes Studio im 7. Bezirk. Wie war der Weg dorthin?

CBDas war eine absolute Achterbahnfahrt. Letztes Jahr habe ich meine 300-stündige Ausbildung in Indien gemacht. Zu der Zeit habe ich in einem Wiener Studio gearbeitet, in dem ich ziemlich unglücklich war, weil es primär um Massenabfertigung und maximalen Gewinn ging. Dadurch gab es keinen Raum, um mich zu entfalten und als Lehrerin das zu machen, was ich wirklich gerne machen möchte. Als ich aus Indien zurückkam, habe ich entschieden, das Studio zu verlassen – ohne zu wissen, was ich als nächstes machen würde.


Irgendwann habe ich angefangen, nebenbei nach Räumlichkeiten zu gucken. Eigentlich wollte ich zu der Besichtigung meines jetzigen Studios gar nicht hingehen. Die Fotos sahen überhaupt nicht schön aus, aber die nette Maklerin hat mich schließlich überzeugt. Als ich den Raum betrat, wusste ich sofort: Das ist mein Studio. Ich habe mich total verbunden gefühlt.


Obwohl ich bereits fünf Jahre unterrichtete und genug Leute kannte, die in mein Studio kommen würden, hatte ich natürlich trotzdem Tage, an denen ich alles in Frage gestellt habe. Dann kamen Gedanken wie: Bist du größenwahnsinnig? Du kannst doch nicht inmitten einer Pandemie ein Studio aufmachen! Das ist die bescheuertste Idee, die du je hattest. Aber ich kann heute auf jeden Fall sagen: Ich bin total happy, dass ich den Schritt gewagt habe.
 

Wie ist es, plötzlich so viel Verantwortung zu haben?

CBIch bin momentan an dem Punkt, an dem ich aufpassen muss, nicht zu viel zu machen. Das Studio ist mein Baby und gerade in der Anfangszeit wollte ich natürlich jeden einzelnen Schritt mitgehen. Ich muss auf jeden Fall noch lernen, loszulassen. Mir ist es wichtig zu vermitteln, dass Yoga gut für deinen Körper ist, du tun solltest, was sich richtig anfühlt und im Moment bleiben solltest. Wenn ich selber Burnout kriege, ist das absolut nicht Sinn der Sache.

Deshalb baue ich derzeit ein Team auf, das harmonisch miteinander funktioniert. Mein Studio lebt nicht nach einem kapitalistischen Gedanken. Mir ist wichtig, dass alle fair bezahlt werden und jeder das machen kann, was er gut kann und womit er sich wohl fühlt.

Yoga ist seit einigen Jahren sehr im Trend. Empfindest du diese Entwicklung als positiv oder geht der eigentliche Yoga-Gedanke verloren?

CBEs ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, dass Yoga den Leuten extrem hilft und ich finde es super, dass durch Social Media mehr Menschen darauf aufmerksam werden. Gleichzeitig wird auf Instagram häufig ein Bild von Yoga vermittelt, das viele abschreckt. Zum Beispiel, dass sich alle Yogis vegan ernähren, super schlank sind, auf Bali leben und jeden Tag crazy Posen machen. In meinem Studio ist es egal, wer du bist oder was dein Background ist. Du musst nicht den vermeintlich perfekten Körper haben. Du musst nicht vegan sein. Wir haben keine Dogmen. Ich möchte, dass die Menschen auf ihre Matte gehen und einfach das machen, was sie gut können.

Wem empfiehlst du Yoga?

CBGanz ehrlich? Jedem! Es hilft, ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu schaffen, sich zu spüren und für einen Moment abzuschalten. Wenn du ins Studio gehst, kannst du all deine Sorgen – sei es Stress im Beruf oder mit dem Partner – einfach vor der Tür lassen. Du gehst auf deine Matte und es ist total egal, ob neben dir ein Top-Anwalt steht oder eine Studentin. Alle sind im Studio gleich – und das ist etwas ganz Schönes.
Es ist vollkommen egal, ob jemand die Asanas kann. Es geht darum, den Druck rauszunehmen und zu sagen: Ich habe keine Erwartungshaltungen. Ich muss absolut nichts leisten. Ich erlaube mir jetzt einfach, zu sein. So wie ich bin. Und das bedeutet manchmal eben auch, in die Child Pose zu gehen, wenn alle anderen den Kopfstand üben.

Ich merke während meiner Arbeit ganz häufig: Je öfter jemand herkommt, desto glücklicher wird er – auch im Privaten, weil sich dieses Mindset übertragen lässt. Du lernst, dir und deinen Gefühlen Raum zu geben, statt einem gesellschaftlichen Druck nachzugeben.

TRBY
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