Interview mit
Jason Groebe

Interview Yannah Alfering

26. Januar 2021 00:38 Uhr

Jason Groebe ist Winzer in der fünften Generation. Gemeinsam mit seinen Eltern führt der 29-Jährige das Weingut Bergkloster in Rheinland-Pfalz. Ein Gespräch darüber, wie es ist, sich in einem Familienunternehmen zu behaupten und die Frage, warum Naturwein in Deutschland maßlos unterschätzt wird.

Jason, wie arbeitet es sich in einem Familienunternehmen? 

Jason Super. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist sehr eng. Natürlich knallt es da auch mal, das will ich gar nicht beschönigen. Trotzdem halten wir uns immer gegenseitig den Rücken frei. Wir vertrauen uns und wissen, dass wir bei Problemen miteinander reden können.

Ihr lebt und arbeitet gemeinsam auf dem Hof, wird euch das nicht manchmal zu eng?

JasonMittlerweile habe ich meine eigene Wohnung auf dem Weingut und kann mich auch mal zurückziehen. Morgens planen wir gemeinsam den Tag – danach macht jeder sein Ding. Wichtige Entscheidungen werden aber immer zu dritt getroffen, das ist mir sehr wichtig. 

Wann war dir klar, dass du das Weingut übernehmen möchtest? 

JasonIch wusste das schon immer, aber meine Eltern haben gesagt: Du machst das nur, wenn du wirklich Bock hast, du brauchst die Leidenschaft dafür. Also habe ich 2011 meine Ausbildung angefangen und danach studiert. Und ich habe gemerkt: Weinanbau ist mein Ding. 

Du hast dich auf Naturweine spezialisiert. Wieso wolltest du es anders machen als deine Eltern? 

JasonBis 2017 habe ich meine Weine relativ klassisch, rheinhessisch gemacht. 2018 habe ich mich dann entschieden, nur noch Naturweine zu machen. Das heißt: Weine ohne Schwefel, Zusätze und
Filtration. Ich will nicht mit dem Strom schwimmen. Naturwein ist echt und authentisch. Das ist mir unfassbar wichtig. 

Als Winzer repräsentiere ich meine Weine und ich will mich nicht verbiegen müssen. Wenn ich im Anzug auf einer Messe stehen würde, wäre das nicht ich. Naturwein ist für mich Leben in der Flasche. Der Wein gibt dir etwas ganz anderes. Wenn ich zum Beispiel geschwefelten Wein trinke, dann ist das schön und schmeckt gut. Das kann auch ein hervorragender Wein sein, aber das ist nicht mehr mein Geschmack und auch nicht mehr mein Stil. Wenn ich nur Naturwein trinke, ist die Stimmung ganz anders. Das Leben und die Energie, die der Winzer in den Wein gesteckt hat, geht einfach auf die Leute über.

Wie haben deine Eltern darauf reagiert, dass du das Weingut zukünftig in eine andere Richtung lenken willst? 

Jason Am Anfang waren sie natürlich etwas überrascht, als ich gesagt habe, dass ich in Zukunft alles ohne Schwefel machen will. Das ist im Weinanbau das höchste Risiko. Meine Mutter hat aber immer gesagt: Zieh es durch. Und das war bombenrichtig. Vertrauen muss einfach da sein, anders geht es in einem Familienunternehmen nicht.

Ich kenne viele Fälle, in denen die Eltern nicht loslassen können und neue Ideen ablehnen. Das führt natürlich auf Dauer zu Uneinigkeit. Ich finde es schade, wenn ich Winzer sehe, die unglaubliches Potential haben, aber von ihren Eltern ausgebremst werden. Die Konsequenz ist meistens, dass die Kinder sich nach fünf Jahren entscheiden dahin zu gehen, wo sie mehr Freiheiten haben.

Winzer können sehr schlecht loslassen. Alles was wir machen, ist Emotion. In dem Moment, in dem der Sohn ankündigt, alles anders machen zu wollen, sagt er im Prinzip: Ich weiß es besser. Und dann wird‘s persönlich. Ich habe großen Respekt vor meinen Eltern, dass sie in der Lage waren, einen Schritt zurück zu treten und mich machen zu lassen. 

Bergkloster, Riesling 2018

“Alles was wir machen ist Emotion.”

Du betreibst das Weingut in der fünften Generation. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in deiner Arbeit?

JasonDie Weinberge sind unser ganzes Hab und Gut, deshalb ist es mir sehr wichtig, nachhaltig zu arbeiten und respektvoll mit unseren Böden umzugehen. Wenn wir den Boden vermurksen, hat die nächste Generation nicht mehr viel davon.

Das Problem mit Naturwein ist, dass wir kaum Absatz in Deutschland haben. Der Markt ist noch nicht da. Das heißt, dass ich 90 Prozent meines Weins ins Ausland verschicken muss. Das sehe ich etwas kritisch, genauso wie die vielen Messebesuche. Wir haben einige richtig gute Messen in Deutschland, aber der Großteil findet im Ausland statt – und da muss man natürlich erstmal hinkommen. 

Ich bin gespannt, wie sich der Markt in Deutschland in Zukunft entwickelt. Ich merke, dass meine Generation wieder ein ganz anderes Verständnis für Lebensmittel bekommt. Ich glaube, der Trend wird weg von schnellen und industriellen Produkten gehen und zurück zum Handwerk.

Was liebst du an deinem Beruf am meisten? 

JasonDie Vielseitigkeit und die Arbeit mit der Natur. Sie hält mich immer demütig. Ich merke immer wieder, wie abhängig ich von der Natur bin. Während der Vegetation kann viel passieren, von Frost über Hagel. Ein Freund von mir hat dieses Jahr 60 Prozent seines Ertrages verloren, weil er im Frühling Frost hatte. Ich habe nie die volle Kontrolle. Das macht mir am meisten Spaß. 

In meinem Job geht es außerdem viel um Freundschaft. In der Wein-Szene ist es so: Wenn sich die Importeure nicht mit dem Winzer verstehen, werden sie auch seine Weine nicht verkaufen. Mit den meisten von ihnen bin ich also auf einer Wellenlänge. Ich möchte mit den Leuten, mit denen ich arbeite, befreundet sein. Ich hab mega Bock beispielsweise nach England zu fliegen und da mit einem Importeur Wein zu trinken. 

Wie sieht für dich der perfekte Abend aus?

JasonMit Freunden, guten Flaschen Wein, grandiosem Essen und im besten Fall noch einer schönen Aussicht. Mehr braucht es nicht. Das ist für mich Lebensqualität.