Nähe
auf Distanz

 

 

 

Text Yannah Alferring

24. Januar 2021 16:01 Uhr

Sophie war sieben Jahre alt, als ihre Eltern sich trennten. Ihr Vater Bernd zog aus, erst aus dem gemeinsamen Haus und schließlich bis nach Bayern. Seitdem trennen Tochter und Vater rund 400 Kilometer. Jahrelang führten sie eine Vater-Tochter-Fernbeziehung.

In diesem Jahr entschied Bernd, wieder näher bei Sophie sein zu wollen. Was kann man von den beiden über Nähe und Distanz zwischen Eltern und Kindern lernen?

Unsere Autorin hat die beiden getrennt voneinander befragt.

Wie habt ihr den Moment eurer Trennung damals erlebt?

Sophie Es war natürlich nicht einfach, aber ich wusste, dass mein Vater nicht wegen mir nach Bayern zieht, sondern hauptsächlich aus beruflichen Gründen. Trotzdem hat es lange gedauert bis ich kein Heimweh – oder eher Fernweh – mehr nach ihm hatte.

BERNDAls ich nach Bayern gezogen bin, war ich die erste Zeit sehr mit dem Umzug, der neuen Situation und mir selbst beschäftigt. Neues Bundesland, neues Glück, neuer Job – da denkt man nicht viel nach. Nach einiger Zeit habe ich dann aber sehr deutlich gemerkt, wie sehr mir mein Kind fehlt. In dem Moment hatte ich wirklich Herzschmerzen.

Hattet ihr Angst, dass sich euer Verhältnis durch die räumliche Distanz verändert?

SophieNicht wirklich. Trotzdem war es mir am Anfang total wichtig, jeden Tag mit meinem Vater zu telefonieren. Das hat nicht immer geklappt. Es hat einige Zeit gedauert, bis sich eine gewisse Normalität eingestellt hatte. Meistens haben wir dann zwei bis dreimal die Woche gesprochen. Es gab aber auch Wochen, in denen wir uns gar nicht gesprochen haben, weil es sich einfach nicht ergeben hat – und das war dann auch in Ordnung für mich.

berndIch habe schon darüber nachgedacht, aber innerlich wusste ich einfach, dass unsere Beziehung dafür schon zu eng war. 

Was bedeutet Distanz für euch?

SophieOrganisation. Man muss alles planen. Mit Personen, die in der Nähe wohnen, ist das einfacher. Jetzt habe ich einen Führerschein, aber damals musste meine Mutter mich immer hinbringen und abholen. Meine Eltern haben sich damals immer in der Mitte getroffen, weil die Hin- und Rückfahrt für eine Person alleine zu lang gewesen wäre. Ich wurde also quasi immer übergeben. 

berndNicht von einer Minute auf die nächste greifbar zu sein. Dafür war die Zeit immer sehr schön, wenn Sophie da war. Meistens war sie in den Ferien bei mir und blieb dann mehrere Tage oder Wochen. Ich war drei Tage vorher schon aufgeregt wie ein kleines Kind. Die Rückfahrt zurück zu ihrer Mutter war umso emotionaler. Nach der Übergabe hatte ich oft Tränen in den Augen. Das waren sehr traurige Momente.

In welchen Momenten habt ihr trotz der Distanz Nähe gespürt?

SophieWenn mein Vater und ich telefonieren, reden wir über ganz alltägliche Dinge. Ich wusste immer, wie sein Alltag aussieht oder ob er ein Problem hatte. Und ich konnte mich am Telefon über alles aufregen und er hat sich dann mit mir aufgeregt. Wir haben auch emotionale Themen miteinander geteilt und nicht nur Oberflächliches. Ich finde es wichtig, regelmäßig im Austausch zu bleiben und die andere Person an seinem Leben teilhaben zu lassen.

Außerdem finde ich es wichtig, die Zeit, die man physisch miteinander verbringt, gut zu nutzen – und zum Beispiel nicht nur am Handy sein. 

berndImmer, wenn wir telefoniert oder geschrieben haben, habe ich Nähe gespürt. Sophie wusste, dass sie mich Tag und Nacht anrufen kann. Sie war über mein Leben informiert und ich über ihres. Ich wusste, wann sie Party macht, Schulprüfungen hatte oder Stress mit jemandem. Ich finde Kommunikation sehr wichtig. Außerdem bin ich so oft es ging ins Saarland gefahren. Meistens Samstagmorgen um sechs Uhr los und abends gegen 22 Uhr wieder zurück.

Hatte die Entfernung auch Vorteile für eure Beziehung?

SophieIch denke schon. Durch die Distanz habe ich mich nie mit meinem Vater über alltägliche Dinge gestritten. Mein Vater hat im Gegensatz zu meiner Mutter zum Beispiel nie gesagt, dass ich mehr lernen müsste. Wir waren nicht permanent miteinander konfrontiert. Das kann auch von Vorteil sein.

berndNatürlich war es manchmal angenehm, nur am Telefon davon zu erfahren, wenn es zu Hause Ärger gab. Trotzdem hätte ich auch solche Situationen gerne häufiger miterlebt. 

Wie kommt ihr aktuell mit der Distanz zwischen euch klar?

SophieZiemlich gut. In den letzten Jahren habe ich immer deutlicher gemerkt, wie schwierig es für mich ist, so lange weg zu sein. Ich fand es immer schön bei meinem Vater, aber wenn ich die Instagram-Stories meiner Freunde gesehen habe, wäre ich natürlich gern dabei gewesen. Stattdessen war ich in Bayern. Das war manchmal blöd.

Aktuell trennt uns nur eine Stunde Fahrt und ich kann oft das Auto meiner Mutter nutzen. Ich freu mich, dass die Situation jetzt etwas flexibler ist und ich zum Beispiel auch mal nur von Freitag auf Samstag bei ihm schlafen kann. Ich bin jetzt nicht mehr so abgeschieden. Ich kann ihn sehen und trotzdem Samstagabend noch auf eine Party gehen.

berndSehr gut. Die aktuelle Entfernung ist gar kein Stress mehr. Nächstes Wochenende machen wir zum Beispiel einen gemeinsamen Wellness-Tag. Ich genieße es sehr, meine Tochter wieder öfter zu sehen. Ich kann jetzt sagen: Wenn du heute Abend Bock hast, komm ich zu dir und wir gehen Pizza essen. Wir können jetzt wieder viel spontaner sein.

Wer von euch kommt besser mit Distanz zwischen euch klar?

SophieZuerst er, dann ich. Als mein Vater weggezogen ist, war ich zehn. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mein Leben selbst geplant und Pläne für die Wochenenden gemacht. Das war für mich der Wendepunkt. 

berndMit der jetzigen Distanz kommen wir beide gleich gut klar, denke ich. Ich erinnere mich aber noch gut an eine Situation vor drei Jahren, als Sophie eine Woche in den Osterferien bei mir verbringen sollte. Normalerweise kam sie immer freitags mit dem Zug und ist dann am Sonntag darauf wieder gefahren. Irgendwann kam der Punkt, an dem sie sagte: Du, Papa, ich komm erst am Sonntag, weil ich geh Samstag noch auf eine Party. Ich musste dreimal trocken schlucken und dachte nur: OK, scheiße, das wars. Dein Kind ist jetzt erwachsen. Jetzt fängt Sophie bald an zu studieren und hat ihr Leben fest im Griff. Und wenn es doch mal ein Problem gibt, bin ich jetzt in der Nähe.