Auf dem Oberschuirshof in Essen werden

HOBBYGÄRTNER ZU LANDWIRTEN

Interview Yannah Alfering
Fotografie Peter Wolff

26. Januar 2021 16:01 Uhr

Es gibt wohl kaum eine nachhaltigere Methode, an frisches Obst und Gemüse zu kommen, als es selber anzubauen. Aber wo, wenn man in der Stadt wohnt? Der Landwirt Nikolas Weber hat das Problem erkannt und zu einem Geschäft gemacht hat.

Nikolas Weber führt den Oberschuirshof in Essen-Schuir in neunter Generation. Seit er denken kann, baut seine Familie auf dem Gelände rund um das alte Ziegelsteinhaus Getreide, Kartoffeln und Äpfel an, schlachtet Geflügel und Schweine und verkauft ihre Lebensmittel in dem kleinen Hofladen neben dem Pferdestall. Doch das ist längst nicht mehr alles. Vor rund zehn Jahren entschied Nikolas gemeinsam mit seinen Eltern, Teile ihres Ackers an Hobbygärtner zu vermieten, die sich nicht länger mit den mickrigen Tomatenstauden auf ihrem Balkon zufrieden geben wollten. „In der Landwirtschaft muss man kreativ sein“, sagt er lachend. 

Die Webers haben ihr Projekt „Feldfreunde” genannt. Rund 300 Parzellen haben sie dafür angelegt, jeder Feldfreund kümmert sich um 50 Quadratmeter  – mit etwas Nachhilfe. „Im April wird das Feld zu 80 Prozent von uns bestückt“, erklärt der Landwirt. Gepflanzt werden regionale Produkte von Möhren, Radieschen und Erbsen hin zu Kartoffeln, Bohnen und Kohlrabi. Auf den restlichen 20 Prozent können sich die Mieter austoben. „Die eine Familie mag Blumen, die andere steht besonders auf Zucchini“, sagt der 38-Jährige. Im Mai übergibt der Landwirt nicht nur das Feld, sondern auch die Verantwortung an die Feldfreunde. 

Damit sie zwischen Juni und November frisches, saisonales Gemüse ernten können, ist regelmäßige Arbeit auf dem Acker nötig – mindestens zweimal die Woche für eine Stunde. „Gerade im Sommer erkennst du deinen Acker nach einer Woche Urlaub nicht wieder“, erklärt Nikolas. 

Fast alle Produkte, die auf dem Hof angebaut werden, gehen direkt an den Endkunden. Verkauft werden sie nicht zentral an die großen Supermarktketten, sondern lokal an Essener Inhaber oder im eigenen kleinen Hofladen. „Wir sind ganz nah am Markt und den Bedürfnissen des Kunden“, erklärt er. Für ihn als Landwirt sei das besser, weil es so keine Zwischenhändler gibt, die an dem Produkt mitverdienen möchten. Auf dem Oberschuirshof werden Äpfel nämlich nicht auf 30 Hektar angebaut, sondern nur auf drei. Es leben nicht 50.000
Hühner auf dem Hof, sondern nur 3.000. Dadurch ist ein einzelnes Huhn zwar etwas teurer, der Bauer kann sich dem Markt aber auch schneller anpassen. Durch die niedrigeren Stückzahlen sei es ihm möglich, einzelne Geschäftszweige durch neue zu ersetzen, ohne dabei ein allzu großes Risiko einzugehen. Auch die Feldfreunde seien am Anfang ein Experiment gewesen. Und plötzlich habe sich daraus ein gut laufendes Geschäftsmodell entwickelt. 

Dass Nikolas Weber gerne mal von der konventionellen Landwirtschaft abweicht und Neues probiert, zeigt auch dieses Projekt: Seit drei Jahren vermietet der Landwirt Hühner – in Kooperation mit der Ernährungs- und Entspannungstherapeutin Jenny Kraneis. Zum Beispiel an Seniorenheime, Kitas oder Schulen. „Hühner sind wahnsinnig tolle Entspannungstiere“, erklärt er. Kinder mit ADHS würden mit ihrer Hilfe etwas runtergeholt und Senioren wieder auf Trapp gebracht werden. Außerdem sei es ihm wichtig, den Menschen zu zeigen, wo ihre Lebensmittel eigentlich herkommen. 

Obwohl laut Ökobarometer 2019 jeder zweite Deutsche angibt, regelmäßig Bio-Produkte zu kaufen, glaubt Nikolas, dass das Bewusstsein für Lebensmittel in der Gesellschaft abgenommen hat. „Die Menschen wissen gar nicht mehr, wie sie die Produkte verarbeiten oder haltbar machen können“, sagt er. Stattdessen würden sie jeden zweiten Tag in den Supermarkt rennen. „Es findet keine Planung mehr statt – und das führt zu mehr Abfällen“. 

Wer direkt beim Erzeuger einkaufen möchte, braucht jedoch genau das: Planung. Um ihren KundInnen den Einkauf zu erleichtern, verkauft die Familie in ihrem Hofladen auch einige Produkte, die sie nicht selbst herstellt. Zum Beispiel Mandarinen oder Avocados. Für Nikolas ist das eine wirtschaftliche Entscheidung entgegen seines Nachhaltigkeitsanspruchs. Trotzdem ist das Sortiment bei Weitem nicht mit dem eines Supermarktes vergleichbar. Für die KundInnen bedeutet das, sich entweder kulinarisch einzuschränken oder mehrere Läden anzufahren. Dass nicht mehr Menschen direkt beim Erzeuger einkaufen, liege laut Nikolas nicht am Preis, sondern an der eigene Bequemlichkeit und der fehlende Wertschätzung für Lebensmittel. 

Mit den Miethühnern oder den Feldfreunden versucht der Landwirt das Bewusstsein für den Ursprung und die harte Arbeit, die hinter unseren Lebensmitteln stehen, zu stärken. Eine 50 Quadratmeter große Ackerfläche reiche zwar nicht aus, eine Familie vollständig zu Selbstversorgern zu machen – sie helfe allerdings dabei, besonders Kindern Respekt vor der Natur zu vermitteln und ihnen zu zeigen, wo ihr Essen eigentlich herkommt. Nikolas wünscht sich, dass die Menschen ihre Lebensmittel wieder „erleben“ und nicht nur konsumieren – und das fängt eben auf dem Acker an.