Tessa Gerlach von Elephant Gin - otto-keller.de

Interview
Tessa Gerlach
von Elephant gin

Text Yannah Alfering
Fotografie © Elephant Gin

20. Dezember 2021 15:48 Uhr

2013 gründete Tessa Gerlach gemeinsam mit ihrem Mann Robin die Marke “Elephant Gin”. Seitdem vertreiben die beiden Premium-Gin und unterstützen gleichzeitig Elefanten in Afrika. Ein Gespräch über Artenschutz, soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Tessa, was hat Gin mit Elefanten in Afrika zu tun?

Tessa GerlachRobin und ich sind – sowohl alleine als auch gemeinsam – sehr viel durch Afrika gereist. In Kenia und in Südafrika sitzt man abends ganz klassisch mit einem “Sundowner“ beisammen und erzählt sich vom Tag. Nach unseren Reisen haben wir die Tradition des abendlichen Drinks mit nach Deutschland genommen, und irgendwann haben wir uns gedacht: Es muss doch Besseres geben als die herkömmlichen Gins und Tonics, die man hier im Supermarkt kaufen kann. Also haben wir hobbymäßig angefangen, Gin herzustellen. Robin hat sich wahnsinnig viel mit Destillationsprozessen auseinandergesetzt und immer wieder neue Kombinationen ausprobiert – unter anderem mit afrikanischen Zutaten, die wir von unseren Reisen mitgebracht hatten.

 

Ich arbeitete damals noch in der Filmbranche. Durch meinen Job wurde ich auf die Situation der Elefanten in Afrika aufmerksam. Elfenbeinhandel, die Abschlachtung von Herden, die von Kenia nach Tansania wandern, und der Konflikt um die Koexistenz von Mensch und Tier. Zurück in Europa hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich sagte zu Robin, dass ich unbedingt etwas tun müsse, um den Elefanten von Deutschland aus zu helfen, sonst würde ich zurück nach Afrika gehen. So kamen wir auf die Idee, unsere Interessen zu verbinden: Gin und den Schutz der Elefanten.

Wie ging es dann weiter?

TGWir haben mit einem südafrikanischen Freund an Designentwürfen für eine Flasche gearbeitet. Robin hat wie wild destilliert. Wir haben die Idee immer wieder durchgespielt und regelmäßig Freunde für Tastings zu uns nach Hause eingeladen. Nach zwei Jahren standen der Geschmack und der Look. Unser Glasflaschenproduzent sagte uns, dass wir mindestens 600 Flaschen abnehmen müssten. Das war der Punkt, an dem wir uns entschieden haben: OK, wir machen das jetzt, wir versuchen es. Und wenn alle Stricke reißen, haben wir zumindest auf alle Zeiten tolle Weihnachtsgeschenke für die Familie. Von Anfang an spenden wir 15% des Gewinns, den wir pro Flasche machen, an Elefantenschutzprojekte.

“Für mich sind Elefanten magische Tiere.”

Wieso hat dich die Situation der Elefanten so berührt?

TGElefanten waren schon als Kind meine Lieblingstiere. Ihre Größe, ihre Intelligenz und die Nähe zur Familie haben mich mein Leben lang fasziniert. Für mich sind Elefanten magische Tiere. Als ich zum ersten Mal in Afrika war, hat mich das absolut umgehauen. Aber ich habe dort auch erschütternde Dinge gesehen.

Während der Zeit in Afrika trafen wir zum Beispiel auf eine getötete Elefantenkuh, deren Stoßzähne gewildert wurden. Sie hatte ein Baby dabei, das ganz schlimm getrauert hat. Die Wilderer haben es einfach zurück gelassen, weil es ihnen nicht einmal die Kugel wert war. Diese Situation war für mich der blanke Horror und hat mich nie wieder losgelassen.
Durch die Zusammenarbeit mit Foundations vor Ort habe ich viel über das Zusammenleben von Mensch und Wildtier in Afrika gelernt und gesehen, wie viele Möglichkeiten es gibt, zu unterstützen.

Welche Projekte unterstützt ihr?

TGWir haben über 50 Anti-Wilderei-Ranger in Kenia, deren Gehalt und Verpflegung wir zahlen. Das sind die Menschen, die sich vor Ort um die wilden Tiere kümmern. Sie laufen, fahren oder fliegen täglich das Gebiet zwischen Kenia und Tansania ab, um sicherzustellen, dass keine Wilderer unterwegs sind. Zusätzlich verhandeln sie mit den lokalen Communities, damit diese keine Wildtiere jagen, sondern stattdessen eine Kompensation von der Stiftung bekommen. Und dann haben wir noch 25 Baby-Elefanten, die wir in einem Waisenhaus in Kenia mitfinanzieren.

2018 habt ihr außerdem gemeinsam mit “Space For Elephants” “The Wildlife Spirit” gegründet, ein Bildungszentrum in Südafrika. Wieso ist es so wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten?

TGViele Menschen vor Ort verstehen nicht, wieso es so wichtig ist, die Wildtiere in Afrika zu schützen. Zum einen würde ohne die Tiere das komplette Ökosystem zusammenbrechen, zum anderen kämen keine Touristen mehr ins Land. Sie bilden eine der Haupteinnahmequellen. In KwaZulu-Natal besteht eine hohe Arbeitslosigkeit. Dann kommen Menschen und sagen: “Komm, hol mir mal ein paar Stoßzähne und ein bisschen Giraffenfleisch. Dafür bekommst du so viel Geld, dass du die nächsten zwölf Jahre nicht arbeiten musst.” Klar macht man das dann. Deshalb bieten wir Perspektiven an. In Zukunft wollen wir uns vor allem darauf konzentrieren, Einheimische zu Rangern auszubilden. Im Bildungszentrum gibt es ein ständiges Kommen und Gehen von interessierten Erwachsenen und Kindern, die wir nach der Schule dorthin bringen. Die Menschen wissen oft gar nicht, welche Schätze sie in ihrem Land haben.

Auch geschmacklich gibt es einen Bezug zu Afrika.
Wie sieht der aus?

TGWir wollten unbedingt einen Gin produzieren, der den “Spirit of Africa” weitergibt. Diese Weitem und das Licht, wenn die Sonne untergeht, sind unglaublich. Das ist eine Stimmung, die kann man nicht beschreiben. Wir wollten das irgendwie auffangen. Worte reichen nicht, man muss es erleben.

Auch geschmacklich hat unser Gin Wurzeln auf dem afrikanischen Kontinent. Während einer meiner Reisen durch Südafrika hatte ich tagelang Bauchschmerzen. In dieser Zeit war ich viel mit Einheimischen zusammen – und die haben für alles ein pflanzliches Mittel. Damals habe ich einen Tee aus Buchu-Blättern bekommen, das war der absolute Hammer. Das sind kleine, grüne Blättchen, die nach Minze riechen und nach Johannisbeere schmecken. Ich habe ein paar dieser Kräuter mit nach Deutschland genommen und Robin hat sie probeweise destilliert. Nach etlichen Versuchen haben wir uns unter anderem für Buchu, Baobab, Lion’s Tail – ein Gras, auf dem eine Blume wächst, die im Wind aussieht wie der Schwanz eines Löwen –, afrikanisches Wermutkraut und Devil’s Claw entschieden. Letzteres ist eine Wurzel, die auch in medizinischen Salben verwendet wird, weil sie krampflösend wirkt. Da Robin und ich beide aus Deutschland kommen, wollten wir unbedingt noch eine deutsche Komponente hinzugeben. Deswegen bilden frische Äpfel die zweitwichtigste Zutat im Elephant Gin.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für euch?

TGWir versuchen eigentlich, alle Komponenten – Flaschen, Labels, Marketingmaterialien – aus Deutschland zu beziehen. Das ist mit den afrikanischen Zutaten natürlich unmöglich. Und ich glaube, das ist der große Zwiespalt, in dem wir uns befinden. Nachhaltigkeit ist ein super wichtiges Thema für uns. Wir benutzen Glasflaschen und Schrumpfhauben aus Mais. Aber dieses Konzept von glokal – also lokal und global – wird bei uns immer existieren. Allein deshalb, weil wir von den afrikanischen Zutaten leben. Sie machen das Produkt aus. Außerdem möchten wir weiterhin mit den afrikanischen Stämmen zusammen arbeiten. Soziale Verantwortung heißt für uns auch, die Menschen vor Ort zu unterstützen. Deshalb arbeiten wir viel mit kleinen afrikanischen Manufakturen zusammen.

Mein Traumziel wäre, irgendwann genug finanzielle Mittel zu haben, um eine zweite Produktionsstätte in Südafrika zu bauen. Dann könnten wir dort Gin produzieren, der in Afrika bleibt. Wir produzieren momentan alles in Deutschland und vertreiben in 30 Ländern. Teilweise bekommen wir Zutaten aus Südafrika, produzieren in Deutschland und schicken das fertige Produkt dann zurück nach Südafrika. Und das ist der Punkt, an dem es im Hinblick auf Nachhaltigkeit richtig weh tut.

Welches Projekt plant ihr als nächstes?

TGIn Südafrika – und da ist jedes afrikanische Land unterschiedlich – gibt es eigentlich nur noch große Parks oder Reservate, in denen die Wildtiere leben. Die sind riesig, aber trotzdem umzäunt. Da die Tiere keine langen Wege mehr zurücklegen müssen, leben die kranken und alten Tiere länger. Dadurch kommt es zu einer Überpopulation in den kleinen Reservaten. Außerdem gibt es dann Inzucht. Deshalb werden die Tiere sterilisiert, was natürlich kontraproduktiv ist, weil es generell zu wenig Elefanten in Afrika gibt. Die “Space For Elephant”-Foundation baut eine Art Korridor zwischen den verschiedenen Reservaten, sodass die Tiere von einem Park zum anderen laufen können. Wir haben in der Vergangenheit bereits zwei Reservate an der Grenze zwischen Swasiland und Südafrika zusammengelegt. Das Gleiche möchten wir jetzt weiter südlich probieren.

Eine letzte Frage gibt es noch: Wie trinkt man euren Gin am besten?

TGUnser Gin ist recht mild im Geschmack. Er brennt dir nicht die Kehle weg. Man kann ihn also auch pur trinken. Auf der anderen Seite kann es passieren, dass der Geschmack verloren geht, wenn du ihn mit einem sehr intensiven Tonic trinkst. Das Indian Tonic oder das Mediterranean Tonic von Fever Tree passen super! Am besten schmeckt der Gin, wenn man ihn am Ende mit einer kleinen Apfelspalte serviert.